Opera Next – wie gut ist der neue Browser?

Opera ist seit Jahren mein Lieblingsbrowser. Sicher, innovativ, anpassungsfähig und bedienerfreundlich wie kein anderer Browser, dazu ein integriertes, funktionales Mailprogramm – was braucht man mehr. Ich habe nie verstanden, weshalb ein so ausgereiftes Produkt nur von einer kleinen Minderheit genutzt wird. Die IT-Ingenieure aus Norwegen haben das wohl auch nicht verstanden und sind es leid, seit Jahren die schönste, aber seltenste Blume im Browser-Garten zu pflegen und haben deshalb mit Opera Next einen deutlichen Schritt in Richtung Mainstream gemacht.

Opera Next nicht für Linux?

Die erste Überraschung ist, dass Opera Next nicht für Linux als Download bereit steht, und ob es in Zukunft eine Version geben wird, ist wohl noch nicht sicher. Die spinnen, die Norweger, war mein erster Gedanke, gehören doch die gegenüber PC- und Mac-Usern experimentierfreudigeren Linux-User zu Operas Stammklientel. Zur Installation muss ich also mein im Dualboot installiertes Windows 7 hochfahren.

(Kurzer Einschub, Windows-Bashing: Ich weiß schon, warum ich Windows nicht leiden kann. Als erste Meldung, noch während des Bootvorgangs, kriege ich „Schalten sie den Computer nicht aus, Windows wird gerade konfiguriert“ zu lesen. Hey, was soll das, ich hab das Notebook gerade erst angemacht, da werde ich den Teufel tun und das Ding gleich wieder ausschalten. Aber macht nix, Windows, lass dir Zeit, installier in Ruhe zu Ende, wann immer DU das magst. Dabei habe ich diesen automatischen Update-Mist schon vor Urzeiten deaktiviert, weil er jedes mal den Rechner blockiert, wenn man absolut keine Zeit hat und nur kurz was nachschauen will. Aber nein…“Schalten Sie den Rechner nicht aus…“. Kaum ist Windows mit den Updates durch, möchte auch Sony ein Vaio-Update loswerden, aber die Fragen wenigstens vorher, ob es gerade passt (nein!) (den penetranten McAfee-Update-Terrorismus habe ich übrigens nur durch Deinstallation abstellen können). Ich habe also noch nicht mal EIN Programm geöffnet und bin schon genervt, der Herr sei gepriesen für Ubuntu, Einschub Ende.)

Opera Next = Chrome ohne Mailclient?

Meine schlechte Laune bessert sich nach der (kostenlosen und kinderleichten) Installation von Opera Next zunächst nicht. Das Ding sieht aus wie Chrome, sogar die Icons wurden 1 zu 1 übernommen. Sagt mal, habt ihr Langeweile in Oslo und spielt deshalb User quälen? Wo ist denn das elegante Opera-Design hin? Und anpassbare, individuelle Skins (Oberflächen) gibt es auch nicht mehr, nicht zu fassen. Ach so, Opera verwendet mit Next nun auch die von Chromium entwickelte Blink-Engine, was die Familienähnlichkeit erklärt. Aber muss denn Opera wirklich GENAUSO aussehen wie Chrome?

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Die Ähnlichkeit mit Chrome ist unverkennbar: Die Opera Next Startseite

Es kommt noch besser: Das Mailprogramm wurde kurzerhand ausgelagert und steht als eigenständiger Download bereit (momentan nur für Windows), ist ansonsten aber, so weit ich das bisher übersehen kann, vom Funktionsumfang identisch mit der bisher in den Browser integrierten Version (und deshalb ebenso einfach zu konfigurieren – ein sehr gutes Mailprogramm, für mein Empfinden stabiler und benutzerfreundlicher als Thunderbird).

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Opera 12.15 mit integriertem Mailprogramm.

Passwörter und Sicherheit

Das Thema Sicherheit spielte bisher bei Opera eine größere Rolle als bei anderen Browsern. Aber auch diese Besonderheit wird durch die Abschaffung eines opera-typischen Merkmals aufgeweicht: Wie alle Browser verfügt auch Opera über die sehr praktische Auto-Login-Funktion, d.h. es merkt sich jedes Passwort und schaltet geschützte Webseiten beim nächsten Besuch automatisch frei. Im Gegensatz zu FF und Chrome konnte man sich bisher in Opera aber die gespeicherten Passwörter nicht einfach per Klick anzeigen lassen, was zwar nervig ist, wenn man mal eines vergessen hat, aber auch Missbrauch durch Unbefugte verhindert. Jeder Versuch der Aufweichung dieser restriktiven Sicherheitseinstellung seitens der User wurde bisher aus Oslo brüsk abgewiesen und nun mit Opera Next kommentarlos umgesetzt. Mehr User gewinnen zu wollen ist eine Sache, aber muß man dazu gleich alles über Bord werfen, was Opera mal ausgezeichnet hat?

Lesezeichen waren gestern

Immerhin funktioniert Opera Link reibungslos, so dass alle meine Daten, Passwörter; Lesezeichen, die Chronik etc. aus meinem  linux-kompatiblen Opera 12.15 importiert werden. Aber wo zur Hölle sind die Lesezeichen hin? Und wo die Lesezeichenleiste? In den Einstellungen ist nichts zu finden und allmählich dämmert es mir: Die Leiste gibt es ganz einfach nicht mehr und auch kein Sternchen in der Adressleiste, mit dem man die Bookmarks einfach per Klick setzen konnte.

OK, jetzt wird es spannend: Wir haben es immer noch mit Opera zu tun und so eine drastische Veränderung würde man in Oslo nicht ohne guten Grund vornehmen. Und richtig, genau bei diesem Thema entfaltet sich dann auch die ungebrochene Innovationslust der Opera-Entwickler: Die Lesezeichen sind in die Schnellwahl gerutscht, das entsprechende Symbol in der Adressleiste gibt einen ersten Hinweis darauf. Für einzelne Lesezeichen wird jeweils ein separater Starter eingerichtet und für jeden Lesezeichenordner auch. Per Klick können die Ordner geöffnet werden und die Lesezeichen werden angezeigt. Das klingt umständlich, ist aber letztlich nicht

opera_next_stash

Die Stash-Funktion von Opera Next.

anders, als sich durch die Ordner in der Lesezeichenleiste zu klicken. Der Vorteil in Opera Next ist, dass Vorschaubilder der Lesezeichen-Links angezeigt werden. Außerdem ist in die Schnellwahlseite eine Suchfeld integriert, das sowohl die einzelnen Lesezeichen als auch die Ordner in die Suche einbezieht. Das funktioniert schnell und präzise, ein deutlicher Fortschritt zu dem Herumgewühle in endlosen Lesezeichenordnern, wo man bei vielen Links eh nicht mehr weiß, was man da eigentlich mal abgespeichert hatte.

Ergänzt wird dieses Feature durch die Stash-Funktion. Webseiten können mittels Klick auf ein in der Adress-Leiste platziertes Herz markiert werden, bilden quasi einen Stapel vorläufiger Bookmarks. Über den Stash-Button in der Schnellwahl können die Links wieder aufgerufen und per Klick der regulären Schnellwahl zugefügt werden.

Das Cotton Track Add-On

Die sinnvollste Neuerungen ist allerdings Cotton Track, ein Add-On, welches das Organisieren von Lesezeichen revolutionieren wird. Diese App sollte standardmässig in Opera Next integriert werden (und in jeden andern Browser auch). Sie merkt sich nämlich, welche Webseiten thematisch zusammenhängen und speichert mit einem Klick alle als „Story“ (= Ordner) ab, und lässt diese ebenso einfach mit nur einem Klick wieder aufrufen. Cotton Track ist vergleichbar mit der in den älteren Opera-Versionen gegebenen Möglichkeit, die Tabs einer Sitzung abzuspeichern und wieder aufzurufen, ist aber deutlich übersichtlicher.

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Cotton Track speichert thematisch zusammenhängende Webseiten.

Ein vorläufiges Fazit

Für eine abschließende Bewertung ist es noch zu früh, dazu muss sich Opera Next noch im Alltagstest bewähren. Fakt ist, das sehr viele Einstellungsmöglichkeiten einfach weggelassen wurden. So startet Opera Next immer mit den Tabs der letzten Sitzung, was extrem nervt, wenn man eine ganze Reihe davon geöffnet hatte und für die neue Sitzung erst mal alles wegklicken muss. Als Startseite ist die Schnellwahlseite festgelegt, ich habe jedenfalls keine Möglichkeit gefunden, das zu ändern. Außerdem gibt es bisher keine Themes, nur eine Handvoll Hintergrund-Bilder für die Schnellwahl.

Trotzdem ist meine anfängliche Enttäuschung über den Verlust einiger gern genutzter Funktionen zunächst mal einer positiven Erwartungshaltung gewichen. Besomders der Versuch, die Lesezeichen-Verwaltung neu zu organisieren, hat mich aufhorchen lassen. Da Opera Next aktuell nur die Betaversion ist, werden zum offiziellen Release sicher noch einige Nachbesserungen erfolgen, und dann könnte Opera Next tatsächlich ein großer Wurf werden. Jeder Nutzer von Opera Next kann übrigens Wünsche und Verbesserungsvorschläge in das Projekt einbringen – ein Grund mehr Opera Next einfach mal auszuprobieren. Zum Download geht es hier.

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