Die Geschichte der Beau Brummels, Teil 1 – The Autumn Years

Zwischen 1965 und 1975 haben die Beau Brummels aus San Francisco sechs Studioalben veröffenlicht, darunter eine der besten Platten der 60er Jahre. Und obwohl sie zu Beginn ihrer Karriere zwei Top 10 Hits in den US-Charts platzieren konnten, ist die Band nie so populär geworden, wie sie es eigentlich verdient hätte…

The Autumn Years

Als die Beau Brummels 1964 die Musikszene in San Francisco betraten, wurden die US-Charts vom Beat der „British Invasion“ beherrscht, die im Zuge der Beatlemania über den Ozean schwappte. Musikalisch gesehen war San Francisco zu dieser Zeit ein mehr oder weniger weißer Fleck auf der amerikanischen Landkarte, erst das Aufblühen der Flower-Power-Bewegung sollte dies zwei Jahre später ändern. Nicht gerade die besten Startmöglichkeiten für eine unbekannte amerikanische Band. Doch die Beau Brummels klangen mit ihren melodiösen Beatsongs englisch genug, um erfolgreich zu sein. Clever gewählt war auch ihr merkwürdig anmutender Name:  Beau Brummel war ein durch einen Film bekannter englischer Oberklassen-Dandy.

Autumn Records Sampler

Entdeckt wurden die Beau Brummels 1964 von Tom „Big Daddy“ Donahue, einem 300 Pfund schweren Radio-DJ, der zusammen mit seinem Partner Bobby Mitchell gerade das unabhängige Autumn-Label gegründet hatte. Donahue und Mitchell stammten ursprünglich aus Philadelphia, mussten aber wegen der Untersuchungen im Payola-Skandal (Plattenfirmen bezahlten damals im großen Umfang Schmiergelder an Radio-DJs) die Stadt wechseln. Beide müssen sehr extrovertierte und einnehmende Persönlichkeiten gewesen sein, denn schon knapp ein Jahr nach ihrer Emigration saßen Donahue und Mitchell bei KYA-AM in San Francisco wieder vor dem Mikrophon und machten den Sender zu einem der meistgehörten in Nord-Kalifornien.

Donahue sah die Brummels im Morocco Room in San Mateo, einer von zahllosen kleinen Clubs, die für junge lokale Bands damals die einzigen Auftrittsmöglichkeiten darstellten. Zur Band gehörten zu der Zeit Leadsänger Sal Valentino, Gitarrist und Songwriter Ron Elliott, Bassist Ron Meagher, Gitarrist Declan Mulligan und John Petersen am Schlagzeug. Elliott und Valentino kannten sich aus ihrer gemeinsamen Schulzeit. Nach seinem Abschluss versuchte sich Valentino erfolglos als Solosänger, während Elliott zunächst Kompositionslehre studierte. Anfang ’64 traf man sich wieder und beschloss, eine Band zu gründen, laut Elliott unter anderem deshalb, weil er die von ihm geschriebenen Songs gerne mal hören wollte. Der Kern des Brummels-Programm bestand von Anfang an aus seinen Kompositionen, neben der außergewöhnlichen Stimme Valentinos einer der der Trümpfe der Brummels. Mulligan und Elliott waren darüber hinaus begabte Gitarristen, Meagher und Petersen bildeten eine solide und treibende Rhythmusgruppe. Tom Donahue war gut darin, Talent zu erkennen und ihm gefiel, was er diesem Abend gehört und gesehen hatte. Einen Tag später hatten die Brummels einen Plattenvertrag und Autumn einen vielversprechenden neuen Act.

Introducing the Beau Brummels

Die Brummels wurden unverzüglich ins Studio gesteckt, wo sie zuerst „The Jerk“ aufnahmen, ein erfolgloser Versuch, auf der damaligen Welle mit Tänzen wie Twist und Mashed Potatoe zu schwimmen. Anfang ’65 erschien dann mit „Laugh, Laugh“ die erste Single im typischen Brummels-Sound, eine von Elliott geschriebene midtempo Beatnummer mit einem wehmütigen Harmonica-Motiv. Der Song entwickelte sich rasch von einem lokalen Hit zu einem landesweiten Erfolg und kletterte in den Billboard Charts auf Platz 15, das kurz danach veröffentlichte „Just A Little“ haute in die gleiche Kerbe und erreichte sogar Platz 8.

Im April 65 erschien das Debutalbum „Introducing“ und enthielt natürlich die beiden Hit-Singles. Das Album kletterte auf einen beachtlichen Platz 24, nicht schlecht für eine LP, die auf einem regionalen Label ohne großen Marketingetat veröffentlicht wurde. „Introducing“ enthielt zwölf Songs, zehn davon aus der Feder von Ron Elliott und war durchgehend auf höherem Niveau als damals üblich. Einen wirklichen Ausfall gab es auf der Platte nicht, auch wenn Elliotts Songwriting-Kunst ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte.  Neben erstklassigen Beatnummern bietet „Introducing“ auch Songs, die schon auf die melancholische Brillianz der späteren Meisterwerke hindeuten, besonders das stimmungsvolle „They’ll Make You Cry“ mit Ron Elliott als Leadsänger. Was das Album so anders klingen lässt, als andere zeitgenössische Beatalben, ist die unterschwellige Präsenz von Country- und Folkelementen, die sich bereits auf dem nächsten Album als soundbestimmend herausstellen sollten.

Beau Brummels Introducing

Innerhalb kürzester Zeit war die Band nun zwar der Ochsentour durch die Clubs entronnen, fand sich dafür aber in einem konstanten Strudel aus TV-Auftritten und landesweiten Touren wieder. Hinzu kamen Filmaufnahmen: So hatten die Brummels einen Auftritt in der obskuren SF-Komödie „Village of the Giants“ von Trash-Ikone Bert I. Gordon („Mr. BIG“, war Regisseur und Produzent von charmanten Horror/SciFi-Filmen der C-Kategorie, deren Hauptzutat ins riesenhafte mutierte Glatzköpfe/Frauen/Ameisen waren, die er mit schludrig gemachten „Spezialeffekten“ ins Bild setzte und die er in bester Exploitation-Tradition stets großspurig als „Thrilling!“ und „Never seen before!“ anpries).

Zeit zum Atemholen gab es keine, wie damals üblich wurde in den kurzen Pausen der Tour bereits am nächsten Album gearbeitet. Ron Elliott war der Doppelbelastung nicht gewachsen. Er stand nie besonders gern auf der Bühne und war außerdem Diabetiker. Vom Touren ausgelaugt, klappte er regelmäßig nach Auftritten zusammen und wachte erst im Krankenhaus wieder auf. Seine gesundheitliche Situation war so ernst, dass ab Mitte 1965 Don Irvin für ihn auf Tour gehen musste. Letztlich war dies aber keine zufriedenstellende Lösung, so dass die Brummels sich Ende ’66 in eine reine Studioband verwandelt hatten.

Volume 2

Beau Brummels Volume 2

Das zweite Album hatte den schlichten Titel „Volume 2“ und erschien im Spätjahr 1965. Es war Zeugnis einer enormen künstlerischen Weiterentwicklung, die allerdings  nur noch wenige Fans mitbekamen. Dabei standen die Weichen zunächst nach wie vor auf Erfolg: Elliott hatte eine kreative Hochphase und schrieb, befreit von der Verpflichtung der andauernden Tourneen, einen Songs nach dem anderen („Die Musik schrieb mich“, wie er es später formulierte), so dass die Brummels komplett ohne Fremdkompositionen auskamen (nur eines der 12 Stücke stammte nicht von ihm, das hatte Valentino beigesteuert) und dazu noch massenweise Outtakes produzierten (die meisten davon + alternativ Versionen wurden  nach und nach auf diversen Compilations veröffenlicht; empfehlenswert ist die LP „Good Time Music – The Beau Brummels Volume 3“, erschienen auf dem Line-Label sowie die 4CD-Box „Magic Hollow“, die 2005 bei Rhino heraus kam).

Die neuen Stücke wirkten merklich reifer und vollzogen eine Abkehr vom klassischen Beatmuster. Die Brummels integrierten jetzt verstärkt Folk- und Country-Anleihen in ihre Songs, vor allem aber drosselten sie das Tempo. Gut die Hälfte der Songs auf „Volume 2“ sind balladeske Nummern mit einem sehr eigenen ätherischen, fast somnambulen Drive (oder Nicht-Drive, je nach Ansichtssache), der von nun an in Elliotts Kompositionen vorherrschend sein sollte. Und obwohl die andere Hälfte wieder aus erstklassigen Beatnummern bestand, waren viele Fans von dem Richtungswechsel offenbar verstört und wollten der Band nicht weiter folgen. Keine der ausgekoppelten Singles schaffte es in die Top 100, weder das  folkige, von Elliotts 12String-Gitarre dominierte „Don’t Talk to Strangers“ noch die Ballade „You Tell Me Why“, eine der Nummern die Valentinos Stimme besonders glänzen ließ. Das Album erreichte einen enttäuschenden Platz 97 und verschwand eine Woche später sang- und klanglos wieder in der Versenkung.

Declan Mulligan, der zweite Gitarrist, erhielt zu dieser Zeit seinen Einberufungsbefehl. Vielleicht hatte er auch den kommenden Misserfolg geahnt, jedenfalls stieg er im Streit noch während der Produktion von „Volume 2“ aus der Band aus und Don Irvin wurde zum festen Bandmitglied. Mulligan hatte die Leadvocals für das Stück „Woman“ eingesungen, welche die Band nach seinem Ausstieg jedoch wieder löschen ließ. Elliott spielte den Part mit der Gitarre neu ein und machte so aus dem Song ein Instrumental (die originale Version mit Mulligans Gesang ist auf der „Volume 3“ Compilation zu hören).

Was auch heute noch sofort auffällt, wenn man die Autumn-Alben hört, Beau Brummels Volume 3ist die unglaublich gute Soundqualität. Die Beau Brummels waren nicht nur eine der ersten Bands, die in echtem Stereo-Sound aufgenommen hatten, während um sie herum noch dass 60er typische Pingpong-Stereo dominierte, ihr Sound war außerdem kraftvoll und natürlich. Verantwortlich dafür war Autumns Hausproduzent, ein 21jähriges Musikwunderkind mit dem Namen Sylvester Stewart, der kurze Zeit später als Sly Stone mit seiner eigenen Band die Musikwelt aus den Angeln heben sollte. Für Autumn produzierte Sly neben den Tikis, den Mojo Men und Bobby Freeman auch „Somebody To Love“ vom Jefferson- Airplane-Vorläufer  The Great Society, das in einer rockigeren Version auf „Surrealistic Pillow“ wieder auftauchte und prompt der erste Top 10 Hit für Jefferson Airplane wurde (der Legende nach war Sly mit Grace Slicks Vocals nicht zufrieden und scheuchte die Band durch 50+ Takes, um eine brauchbare Version des Songs zu kriegen – was vielleicht erklärt, warum die Airplane-Version deutlich frischer klingt).

Winter für Autumn

Der Misserfolg des zweiten Beau Brummels Album war ein harter Schlag für Autumn, umso mehr, als auch keiner der anderen Acts kommerziell erfolgreich war. Außerdem war Autumn alles andere als ein straff geführtes Unternehmen. Weder Donahue noch Mitchell waren das, was man gemeinhin als Geschäftsleute bezeichnet. Sie waren in San Francisco stadtbekannte Lebemänner und stürzten sich lieber in die langsam erwachende Psychedelic-Szene, als sich um ihr marodes Label zu kümmern. Hinzu kamen ernsthafte gesundheitliche Probleme bei Mitchell. In einem Interview beschrieb Tom Donahue den Untergang des Labels so: „Alles passierte gleichzeitig: Mitchell hatte herausgefunden, dass er bald am Hodgkin-Lymphom sterben würde und hatte keinen Kopf fürs Geschäft. (…) Ich hab zu der Zeit Unmengen an Acid eingeschmissen und war einfach nicht fähig, mich viermal in der Woche mit unseren Vertrieben zu treffen und „Wo ist mein Geld?“ zu brüllen. Außerdem war ich verliebt.“

Doch die Beau Brummels hatten Glück im Unglück. Autumns Künstlerverträge wurden von Warner Bros. aufgekauft, damals mit Signings wie Van Dyke Parks und Randy Newman ein Hort künstlerischer Integrität. Präsident von Warner war zu der Zeit Mo Ostin, der seine schützende Hand über einen jungen musikbegeisterten Mann namens Lenny Waronker hielt, der bei Warner als Produzent und A&R-Mann tätig war. Waronker ging zusammen mit Randy Newman zur Schule und war mehr an Talent als an Verkaufszahlen interessiert. Weder Parks noch Newman verkauften am Anfang ihrer Karriere viele Schallplatten, aber Waronker war der Ansicht, dass, wenn man Künstlern Zeit für ihre Entwicklung gibt, man letztlich künstlerisch und kommerziell erfolgreich sein würde. Dennoch wurde das Autumn-Raster extrem ausgedünnt und übrig blieben neben den Beau Brummels die Tikis, die bei Warner zu Harper’s Bizarre mutierten und sich kommerziell gesehen als die bessere Wahl entpuppten (deren Leadsänger Ted Templeman wurde nach Harper’s Auflösung 1970 bei Warner als Produzent eingestellt und war dort für so illustre Acts wie die Doobie Brothers, Van Morrison, Little Feat, Captain Beefheart und Van Halen verantwortlich.) Was Verkaufszahlen angeht, stand für die Brummels das schlimmste noch bevor, künstlerisch gesehen  jedoch sollten sie bei Warner ihre beiden besten Alben produzieren.

Die Geschichte der Beau Brummels, Teil 2 – The Warner Years erscheint demnächst.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s